Wahrnehmung, Handlung und Absicht

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Ich hatte gestern ein Erlebnis, wie Absicht, Handlung und Wahrnehmung manchmal meilenweit auseinander liegen können.

Meine Wahrnehmung

Ich fuhr morgens mit meinem Motorrad auf die Autobahn und ordnete mich auf der rechten Spur ein. Links neben mir fuhr ein dunkler BMW gleich auf. Er überholte aber nicht, sondern blieb auf meiner Höhe. Dann zog er an mir vorbei und scherte kurz vor mir auf der rechten Fahrbahn ein. Ich dachte zu mir „Du Volli“, besonders, als er dann noch seine Warnblinker anschaltete. Während ich überholte blickte ich zu ihm rüber. Der Fahrer sah mich ebenfalls an, gestikulierte und bog dann auf die beginnende Autobahnausfahrt ab.

Ein ganz normaler Tag

Für den Rest der Fahrt war es ein Morgen im Berufsverkehr wie gestern, vorgestern und letzte Woche. Ich schlängelte mich kilometerlang auf dem Mittelstreifen der zweispurigen Zufahrtsstrasse nach Bremen an PKWs, LKWs und Kleintransportern vorbei.

Ein Fremdkörper

Bei meiner Firma angekommen, stellte ich mein Motorrad ab und löste den Verschluss der Hecktaschen-Halterung. Ich hilt jedoch abrupt inne. Irgendetwas war anders als sonst. Ich brauchte einige Sekundenbruchteile um zu verstehen, was dieser Gegenstand ist, der neben dem Hinterrad baumelte: Ein Haken. Karabinerhaken. Karabinerhaken mit Leine daran. Hundeleine. Das ist doch die Leine unseres Hundes! Mit einem Schlag war die Situation der Realität entrückt. Wenn mich jetzt jemand angesprochen hätte, dürfte er keine Reaktion erwarten, denn ich starrte nur noch auf dieses baumelnde Ding. Ich wich zurück. Der Haken hing wirklich neben dem Hinterrad. Von Oldenburg nach Bremen gibts kein Tempolimit. 150, 160 geht da schon. Mit einer Hundeleine neben dem Hinterrad. Hätte sich auch im Rad verfangen können. Die Bremsleitung beschädigen können. Zum Sturz führen können. Tot? Ich? Deswegen?
Dann aber übernahm der Analytiker die Suche nach der Ursache. Wieso hängt die Leine unseres Hundes an meinem Motorrad in Bremen und liegt nicht auf der Kommode in unserem Hausflur in Oldenburg? Aber Moment!

Schwierige Wahrnehmung beim Kettenkarussell im Zwielicht
Wahrnehmung im Zwielicht

Momente der Erkenntnis

Jetzt verstand ich auch, was mir der BMW Fahrer mitteilen wollte. Er wollte sich gar nicht beschweren, sich über meine Fahrweise aufregen, sondern seine fingerzeigende Geste sollte mir sagen: Da hängt was am Motorrad!

Entschuldigung

Lieber BMW Fahrer, für den unwahrscheinlichen Fall, dass du dies hier lesen solltest: Ich möchte mich bei dir entschuldigen! Du warst an diesem Morgen der Einzige, der mich auf drohende Gefahr aufmerksam gemacht hat. Ich habe deine Geste aber leider vollkommen falsch verstanden.

Nachtrag

Die Hecktasche hat auf der vorderen Unterseite links und rechts zwei L-förmige Kunststoffteile, die in den Gepäckträger eingeklemmt werden. Unter der Tasche lag die Leine unseres Hundes. Als ich die Tasche von der Kommode aufnahm, hatte sich die Hundeleine um eines der Kunststoffteile gelegt und, ohne etwas zu bemerken, trug ich sie an meiner Tasche hängend bis zum Motorrad und befestigte die Tasche, wiederum ohne etwas zu bemerken, wie üblich am Gepäckträger. Die Wahrscheinlichkeit, dies noch einmal so hinzubekommen, ist nicht hoch.

Aber das ist nicht mein Punkt. Es geht um meine Wahrnehmung. Hätte ich die Handlung des Autofahrers als etwas Positives, Hilfreiches bewertet, hätte ich vielleicht angehalten und geschaut, was er gemeint haben könnte.

Vielleicht sollten ich und du öfters einmal davon ausgehen, dass andere Menschen auch wohlwollend sein können.

 

cmm

Scrum Master, Agile Coach, QA-Experte, Autor

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Christian M. Mann