3 Gründe, warum Scrum in der Politik nichts zu suchen hat

In der Software-Entwicklung ist Scrum seit Jahren das bevorzugte agile Framework. Aber auch außerhalb der IT breitete sich Scrum aus, z.B. im Automobilbau.

Das Wertefundament in Scrum ist ja durchaus verlockend: Mut, Fokus, Offenheit, Respekt, Selbstverpflichtung.

Gepaart mit Transparenz und dem Inspect & Adapt-Prinzip, welches wir aus dem Qualitätsmanagement kennen.

Du fragst dich vielleicht, ob Scrum auch in der Politik funktionieren könnte.

Um fehlende Fokussierung, ineffiziente Strukturen, Einflussnahme von Lobbyisten, lange Entscheidungswege und scheinbar endlose Debatten zu bekämpfen?

Warte!

Nimm Dir mal ein paar Minuten und denke über diese 3 Gründe nach, warum Scrum in der Politik nichts zu suchen hat.

Grund Nr. 3: Der Kontext passt nicht.

Der Scrum Guide definiert Scrum so: „Ein Rahmenwerk, innerhalb dessen Menschen komplexe adaptive Aufgabenstellungen angehen können, und durch das sie in die Lage versetzt werden, produktiv und kreativ Produkte mit höchstmöglichem Wert auszuliefern.“.

Das Gabler Wirtschaftslexikon sagt, Politik ist die „Gestaltung der Ordnung eines Gemeinwesens und Lenkung des individuellen Verhaltens seiner Mitglieder“.

Beides sind grundverschiedene Aufgabenstellungen.

Die eine ist „Produktentwicklung für ein Unternehmen“, die andere „Organisation einer Gemeinschaft“ mit mehreren Millionen Personen.

Wenn dir das Produkt einer Firma nicht gefällt, dann wählst du ein anderes, oder? Ja, denn die Entscheidung liegt bei DIR.

Keiner zwingt dich zum Kauf.

Beschlossene Gesetze hingegen gelten für alle.

Du kannst nicht ablehnen oder annehmen.

 

Grund Nr. 2: No Politics!

Scrum will politische Einflüsse unterbinden. Es soll keinen Streit um die Entwicklungsrichtung geben. Daher darf laut Scrum Guide kein Komitee die Rolle des Product Owners einnehmen, sondern nur eine Person.

Für einen demokratischen Staat ist jedoch genau das Gegenteil wichtig.

Wir brauchen die Auseinandersetzung, denn:

Welches Ziel ist das Richtige? Und welcher Weg dahin ist der Richtige?

Hier kommen persönliche Überzeugungen von Menschen mit ins Spiel.

Weltanschauungen. Wie die Welt ist. Wie die Welt sein sollte. Was richtig und falsch ist. Was Gut und Böse ist.

Diese Spannung bringt Energie in eine Gemeinschaft hinein. Es wird gestritten, überzeugt, beleidigt, koaliert, intrigiert, verbündet.

Und: Jeder kann seine Meinung ausdrücken und öffentlich machen.

Solange, bis der gesetzgeberische Entscheidungsprozess abgeschlossen ist und eine Abstimmung im Parlament erfolgt. Von gewählten Vertretern der Bevölkerung und damit im Namen der Bevölkerung.

 

Grund Nr. 1: Product Owner ist König

Im Gesetzgebungsprozess der Bundesrepublik ist an sechs Stellen[1] eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Gesetzentwurf vorgesehen. Durch Bundesrat, Parlament und den Bundespräsidenten.

Der Gesetzentwurf muss vor diesen Verfassungsorganen bestehen, um in Kraft zu treten.

Scrum kennt jedoch keinen mehrheitsbasierten Entscheidungsprozess.

Scrum verstößt gegen Art. 76 und 77 unseres Grundgesetzes, die das Einbringen von Gesetzesvorlagen und das Beschließen von Gesetzen regeln.

In Scrum herrscht Autokratie.

Es gibt nur einen, die Entscheidungsgewalt hat und Macht ausübt, über Inhalt und Reihenfolge der Themen.

Er wird oft als Figur mit Krone dargestellt.

Der König.

Der Product Owner.

 

***

 

So – und nun? Enttäuscht?

Sei es nicht! Wir haben noch so viel zu tun, um gutes Scrum im IT Bereich zu etablieren. Dafür wurde Scrum entwickelt, dort funktioniert es.

 

 

[1] Schau dir die Darstellung des Gesetzgebungsprozesses an. Besagte Stellen sind in Rot.

Vergleiche dazu den „Prozess“ in Scrum. Richtig, er besteht nur aus einem Schritt.

Abbildung © Jeff Sutherland, 2010

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cmm

Scrum Master, Autor, QA-Experte

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Christian M. Mann